10/07/2025
Die „Baustellenschule“ als Lehrmethode
Schnittstelle von Ausbildung und Kulturerbe
Die „Baustellenschule“ (cantiere-scuola) ist ein Ort der Begegnung zwischen Ausbildung und Unternehmenspraxis: Der Arbeitskontext wird zum Lernort. Die innovative Lehrmethode der Baustellenschule, die von der Scuola Edile di Siena (Partner des Netzwerks der Steinmetze) häufig angewandt wird, verknüpft Theorie, Praxis und wissenschaftliche Forschung auf lebendige und systematische Weise. Die Auszubildenden tauchen in eine eigens gestaltete Lernumgebung, die eine echte Baustelle widerspiegelt, sowohl auf technischer als auch auf organisatorischer Ebene.
Das Ausbildungsangebot richtet sich an eine sehr breite Zielgruppe: Dazu zählen Hochschulabsolvent:innen, Schulabgänger:innen mit oder ohne Abschluss, Menschen mit Berufserfahrung ebenso wie solche, die noch keinen Einstieg in die Arbeitswelt gefunden haben. Angesprochen werden auch Schüler:innen, Studierende, Teilnehmer:innen von Weiterbildungseinrichtungen, Forschungseinrichtungen sowie Kurse zur Berufseinführung im Bereich der Instandhaltung und Restaurierung historischer Bauwerke sowie des kulturellen Erbes. Ebenso richtet sich das Angebot an Personen aus der öffentlichen Verwaltung und der Privatwirtschaft.
Die Baustellenschule basiert auf dem Prinzip des „Learning by doing“. Hier haben die Schüler:innen die Möglichkeit, nicht nur Bautechniken, Restaurierungs-, Konservierungskenntnisse und Baukunde zu erlernen, sondern auch die Verantwortung für die Arbeit, die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften in einem realen Kontext und die Teamarbeit mit Kolleg:innen. Die Schüler:innen werden auf natürliche Weise durch den Kontext dazu angeleitet, ständig eine aktive Rolle zu spielen: Es handelt sich um eine Lehrmethode, die auf realen Aufgaben basiert, bei der das Lernen durch direkte Erfahrung, durch Aktion, manuelle und konkrete Arbeit erfolgt.
Auf der Baustelle werden die Lernenden von einer fachkundigen Person bei der praktischen Ausbildung begleitet. Dieser hat die Aufgabe, die Schüler:innen in die Realität des Baualltags heranzuführen und den Unterricht an die verschiedenen Situationen des Arbeitsalltags und individuell an ihre Voraussetzungen und an die jeweilige Arbeitssituation anzupassen. Der Begriff „Lehre“ wird hier im ursprünglichen Sinne verstanden: als Weitergabe von „Wissen“ und „Know-how“: Der oder die Lehrende ist nicht zwangsläufig die Person mit dem höchsten Bildungsgrad, sondern jene, die über wertvolle Erfahrung weitergeben können, unabhängig davon, ob sie dem theoretischen Bereich oder eher dem „praktischen“ Bereich angehören. In der Baustellenschule wechselt die Rolle der Lehrperson: Die Universitätsprofessor:in übergibt das Wissen an die Handwerker:in, die Fachperson an die Künstler:in und diese wiederum an die Bauarbeiter:in. So entsteht ein gegenseitiger Austausch, in dem es immer schwieriger wird, genaue Grenzen zwischen Lehrendem und Lernendem zu ziehen: ein Learning by doing, das alle Sinne in den Lernprozess einbezieht und das Niveau der Kenntnisse und Fähigkeiten erhöht.
Die Baustellenschule für die Instandhaltung und Wiederherstellung von Gebäuden mit historisch-künstlerischem Wert
Im Allgemeinen wird die Baustellenschule mit den städtischen Institutionen abgestimmt und im Rahmen eines Ausbildungsprogramms realisiert. Dabei verfolgt sie ein doppeltes Ziel: einerseits die fachliche Qualifizierung der Auszubildenden, andererseits die konkrete Instandhaltung oder Restaurierung eines öffentlichen Bauwerks, von dem die lokale Gemeinschaft unmittelbar profitiert. Unabhängig davon, ob es sich bei dem Objekt um ein altes Denkmal oder ein neues Gebäude handelt, ist der Ansatz derselbe. Er schließt auch eine weitere wichtige Kompetenz mit ein: Wissen und Aufmerksamkeit für das Gebäude oder den Vermögenswert, sein historisches Erbe, seinen Kontext und die für die Instandhaltung oder Restaurierung erforderlichen Materialien und Fähigkeiten.
Italien zählt weltweit zu den Ländern mit der höchsten Dichte an kunst- und kulturhistorisch bedeutsamen Kulturgütern. Die Stadt Siena gehört untrennbar zu diesem Erbe. Die Aufwertung von Kulturgütern setzt in erster Linie ihren Schutz voraus, der in der Anerkennung, Erhaltung, dem Schutz und der Restaurierung besteht. Der physische Erhalt ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass diese Kulturgüter zugänglich und erlebbar bleiben. Um das künstlerische und architektonische Erbe zu bewahren, ist es notwendig, auch die Berufe zu erhalten und weiterzugeben, die mit dessen Pflege betraut sind. Diese Fachleute sind unentbehrlich für die Erhaltung des kulturellen Erbes und für dessen kulturelle und wirtschaftliche Aufwertung.
Die Lehrmethode der Baustellenschule bietet in diesem Sinne einen weiteren Mehrwert: Sie bildet Fachkräfte aus, die befähigt sind, historisch-künstlerisch wertvolle Bauwerke sachgerecht zu restaurieren. Damit trägt sie zugleich zur Bewahrung vom Aussterben bedrohter Techniken und zum Generationenwechsel im Bau- und Restaurierungssektor bei.




